Aktuelle Klassifikation des okulokutanen
und des okulären Albinismus

Dr. Barbara Käsmann-Kellner

Hier wird eine Übersicht über die derzeitig gültige Klassifikation des Albinismus gegeben. Die Dinge sind auch hier noch im Fluß und weitere Änderungen werden sich mit größerem Wissen vor allem um die Genetik vermutlich in den nächsten Jahren ergeben. Dies insbesondere deshalb, da noch nicht alle Patienten mit eindeutig vorhandenem Albinismus durch die aktuelle Klassifikation erfaßt werden können. Bei unserer Genetik-Untersuchung zum Beispiel waren ja einige Patienten, bei denen auf den uns bis jetzt bekannten Genorten keine Veränderung gefunden werden konnte. So werden sich in den nächsten Jahren sicher noch Veränderungen ergeben.

Grundsätzliche Albinismus-Klassifikation

Es gibt 2 Hauptgruppen des Albinismus:

okulocutaner Albinismus: OCA
hier besteht ein Pigmentmangel sowohl in den Augen als auch in der Haut und den Haaren.
Okulärer Albinismus: OA
hier fehlt das Pigment hauptsächlich in den Augen und die Haut und die Haare sind unauffällig.

OCA ist wesentlich häufiger als OA. Insgesamt ist in Deutschland etwa eine von 18.000 Personen mit einer der Albinismusformen betroffen.

Aktuelle Klassifikation der Albinismus-Typen (Tabellenformat)

Klassifikation des okulokutanen Albinismus

Geschichte und Entwicklung der Klassifizierung des okulokutanen Albinismus

Die Klassifikation des okulokutanen Albinismus hat sich in den letzten Jahren sehr stark geändert und ist immer noch in einem Prozeß der Veränderung, durch neue Forschungsergebnisse vor allem im Bereich der Genetik.

Erweiterung des Begriffs "Albinismus" im letzten Jahrhundert

Früher wurde der Begriff "Albinismus" nur bei den Personen mit weißer Haut und weißen Haaren und blauen Augen genutzt. Es wurden dann jedoch vor allem im afrikanischen Raum auch Patienten gesehen, die bei typischen Albinismusveränderungen am Auge dennoch Pigment in Haut und Haaren aufwiesen und bisweilen sogar braune Augen haben. Die Erkenntnis, daß Albinismus nicht notwendigerweise mit einem völligen Fehlen des Pigments einhergeht, machte auch eine Neubeurteilung anderer, nicht-negroider Patienten nötig. Insbesondere wurde bei Patienten mit "angeborenem Nystagmus unklarer Ursache" jetzt auch festgestellt, daß sie Albinismus mit vorhandener Pigmentierung von Haut und Haaren hatten.

Tyrosinase und L-Dopa-Haarwurzeltest, frühere Begriffe "Tyrosinase-negativ" und "Tyrosinase-positiv".

In den 60iger Jahren wurde das Tyrosin als wesentlicher körpereigener Baustoff zur Pigmentbildung entdeckt und der L-Dopa-Haarwurzeltest entwickelt, um pigmentierte von völlig unpigmentierten Albinismustypen zu unterscheiden. Dies führte zur Entstehung des Begriffs Tyrosinase-negativer OCA und Tyrosinase-positiver OCA.

Prinzip des Testes: frisch gezogene Haarwurzeln einer Person mit OCA wurden in eine Lösung mit Tyrosin oder Dopa gelegt. Wenn sich in den Pigmentzellen in der Haarwurzel kein Pigment bildete, war der Test negativ und man sprach von einer tyrosinase-negativen Form des OCA. Wenn sich in den Haarwurzeln Pigment bildete, war der Test positiv und die Albinismusform wurde als tyrosinase-positiv bezeichnet.

Der Test zeigte, daß es verschiedene Formen des Albinismus gibt. Mehr zeigte er aber auch nicht.
Weitere Untersuchungen haben in den letzten Jahren gezeigt, daß der Test erstens sehr ungenau ist, bei wiederholten Versuchen unterschiedliche Ergebnisse zeigen kann (falsch negative und falsch positive Ergebnisse). Außerdem ist der Test angesichts der neuen genetischen Klassifizierung des Albinismus nicht mehr haltbar, da auch die Klassifikation über solch einen Test viel zu ungenau ist und viele Untergruppen nicht berücksichtigt wurden. Im früheren Sinne Tyrosinase-negativ ist nur ein einziger Typ des Albinismus von insgesamt mindestens 15 Untergruppen. Eine Klassifizierung ist also über diesen Test nicht möglich.

Wir nutzen den Test seit Jahren nicht mehr.
Ebenso benutzen wir die Begriffe Tyrosinase-negativ und Tyrosinase-positiv nicht mehr, da sie erstens überholt und zweitens falsch und irreführend sind.

Wir sollten alle in der Gemeinschaft von NOAH versuchen, von diesen Begriffen wegzukommen und Informationsarbeit bezüglich korrekter Klassifikation und Bezeichnungen zu leisten!

Derzeitiger Stand der Klassifikation auf genetischer Basis

Seit den 90iger Jahren sind viele der Gene, die im Menschen für die Pigmentierung zuständig sind, erkannt worden. Seit dieser Zeit weiß man, daß eine alleinige Klassifikation aufgrund des Aussehens der Haut und der Haare ungenügend ist. Viele klinisch unterschiedlich erscheinende Albinismustypen haben Veränderungen auf dem gleichen Chromosom. Eine genetisch basierte Klassifikation ist daher sinnvoller.

Auf jedem Genort ist die mögliche Spanne der Pigmentierung sehr breit! So gibt es, sogar in unserer genetischen Analyse, Patienten mit genetisch nachgewiesenem OCA 1 und braunen Haaren und Patienten mit OCA 2 und schlohweißen Haaren. Das Spektrum der möglichen Pigmentierung ist entgegengesetzt zur früheren Lehrmeinung sehr hoch.

Dennoch muß es auch noch weitere, bislang nicht bekannte Genorte geben, an denen Albinismus entstehen kann. Da sie noch nicht bekannt sind, konnte auch bei einigen der Teilnehmer an unserer genetischen Studie keine Mutation für ihren Albinismus gefunden werden. Bei diesen Patienten wird eine weitere genetische Erforschung sicher noch neue Erkenntnisse über Albinismus erbringen.

GENE UND CHROMOSOMEN, DIE BEI DER PIGMENTBILDUNG SICHER BETEILIGT SIND UND DAZUGEHÖRIGE ALBINISMUSGRUPPEN

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